Der Religionskurs re92 von Frau Jabs fuhr vom 23. – 25.01.2019 nach Nordhausen. Unter pädagogischer Anleitung setzten sie sich mit den im KZ Mittelbau Dora geschehenen Verbrechen auseinander. Neben der Besichtigung des Lagers und der Stollenanlage, in denen nach der Bombardierung von Peenemünde die sog. Wunderwaffe gefertigt wurde, standen die Frage nach Schuld und Nicht-Schuld, nach den Überlebenden und deren Biographien im Fokus.

Die 13 Schülerinnen und Schüler kommen an dieser Stelle selbst zu Wort und schildern ihre Eindrücke.

Stollen Mittelbau-Dora

Am Donnerstag, den 24.01.2019, betraten wir den Stollen Mittelwerk durch einen neu angelegten Eingang. Durch diesen erreichten wir den Fahrstollen A. Jonte Walther und ich, Jannis Rusch, waren sehr beeindruckt von seiner Größe und von den Temperatur, da sie 8 Grad Celsius betrug, obwohl außerhalb des Stollens Temperaturen von -6 Grad Celsius herrschten. Im Fahrstollen A befand sich ein Modell des Stollens und noch ein paar Tafeln, wo sich Informationen über den Stollen befanden. Wir folgten dem Fahrstollen A, welcher voll mit Schutt und Trümmern bedeckt war. Deswegen wurde ein erhöhter holziger Pfad angelegt, damit man nicht über die Trümmer steigen musste. Wir kamen an einigen Schlafstollen vorbei, welcher auch wieder mit Schutt und Trümmern bedeckt waren. Gegenüber von den Schlafstollen lagen die sanitären Anlage. Dann verließen wir den Fahrstollen A und gingen durch einen Querstollen zu einem Fabrikstollen, welcher durch ein Stahlgerüst in drei Etagen unterteilt war. Allerdings war dieser mit Grundwasser bedeckt.

Aufbau des KZ Mittelbau-Dora und der Baracken

Das KZ lässt sich in drei große Bereiche einteilen. Dem Industriebereich, welcher hauptsächlich aus dem Bahnhof bestand, dem SS-Bereich, in welchem sich die Unterkunftsbaracken der SS-Männer befanden, und dem Häftlingslager, welches den Appellplatz, Baracken sowie die Wäscherei, die Effektenkammer zur Aufbewahrung der persönlichen Wertgegenstände der Häftlinge, das Krankenrevier, das Krematorium, das Kino sowie ein Bordell umfasste.

Durch das Kino und das Bordell wurden Anreize für Häftlinge geschaffen, gute Arbeit zu leisten. Es war allerdings nur für Produktions- und Funktionshäftlinge möglich, diese Angebote in Anspruch zu nehmen, da diese von höherem Wert für die SS waren. Die Bauhäftlinge, welche von geringstem wert für die SS waren, waren „ersetzbar“ und mussten schwerste körperliche Arbeiten verrichten. Die Produktionshäftlinge hingegen mussten technisches Vorwissen mitbringen und arbeiteten an der V2 unter Tage. In beiden Gruppen wurden Funktionshäftlinge bestimmt, welche kleinere Aufgaben der SS übernahmen und für die Organisation der Baracken zuständig waren.

Die einstöckigen Baracken waren aufgeteilt in einen Essbereich und einen Schlafbereich, welche durch einen sanitären Bereich getrennt waren. In den Baracken der Bauhäftlinge mussten etwa 300 Personen im Schlafbereich in den vierstöckigen Betten Platz finden, während die Produktionshäftlinge auf gleichem Raum mit „nur“ etwa der Hälfte Platz finden mussten.

Nach schließung des KZs wurden die Baracken von den Nordhäusern abgebaut und sämtliche Materialien mitgenommen, da nach Ende des Krieges Materialnot herrschte. Heutzutage sind deshalb nur noch die Umrisse zu erkennen.  

Das Krematorium des KZ-Lagers Mittelbau-Dora

Ein zentraler Teil der Gedenkstätte ist das Krematorium. Hier wurden die Leichen und Überreste der Häftlinge verbrannt. Dazu wurden zwei Verbrennungsöfen errichtet. Wenn nötig, wurden mehrere Häftlinge gleichzeitig verbrannt. Die überrestliche Asche wurde auf dem Hang hinter dem Krematorium entsorgt. Die hier verrichtete Arbeit wurde von den Häftlingen selbst getätigt. Einige verbrannte Häftlinge waren noch nicht tot, sondern befanden sich in einem Koma-ähnlichem Stadium. Der Qualm des Krematoriums verbreitete sich durch das komplette Lager bis nach Nordhausen. Die Anwohner beschwerten sich über die starke Rauchentwicklung mit der Bitte, nur zu angekündigten Zeiten Häftlinge zu verbrennen. Einige Häftlinge wohnten sogar im Krematorium selbst und verzierten dieses zum Teil mit selbstgemalten Blumen. Heute hängen im Verbrennungsraum Gedenktafeln für dort verbrannte Häftlinge. Diese wurden von Angehörigen in der Nachkriegszeit dort aufgehängt. Vor dem Gebäude liegt eine weitere Gedenktafel, auf der die Nationen der dort inhaftierten Häftlinge aufgelistet sind. Daneben befindet sich eine Skulptur, die ebenfalls den Häftlingen des KZs gedenken soll.

Biografien

Am zweiten Tag haben wir uns mit einzelnen Biografien von überblenden Häftlingen beschäftigt.

Einer der Inhaftierten war Georg Stein. Dieser wurde aufgrund dass er Jude war, aus seiner Heimat in Rumänien über verschiedene Zwischenstationen nach Mittelbau-Dora deportiert. Er wurde nur, weil er eine technische Ausbildung hatte, nicht getötet. Diese technische Ausbildung musste er im Stollen bei der Produktion der V2 einsetzten. Zu Anfang musste er 6 Monate im Stollen arbeiten und leben, da das Lager um den Stollen noch nicht aufgebaut war. In dieser Zeit sah er nicht einmal das Tageslicht. Nach seiner Befreiung konnte er nicht in seine Heimat zurück. Dies lag zu einem daran, dass er staatenlos war und kein Staat in wieder einbürgern wollte und zum Anderen daran, dass in seiner Heimat die Häuser besetzt waren. Somit floh er nach Israel und wurde Mitglied der Armee. Da nach der Unabhängigkeit von Israel 1948 dort keine Sicherheit herrschte, wanderte er mit seiner Familie und seiner Frau nach Australien aus. In Australien gelang es ihm eine Autowerkstatt zu eröffnen. Die Erlebnisse im Stollen konnte er jedoch nie vergessen und leidet heute immer noch unter den psychischen Problemen.

Dieser Lebenslauf war kein Einzelfall, Menschen wurden aus unterschiedlichsten Gründen inhaftiert, z.B das sie Teil des Widerstands waren. Das erstaunliche dabei war jedoch, dass die Anschuldigungen willkürlich waren, also es keine Beweise für die Tat gab. Nach der Inhaftierung mussten sie dann bei der Produktion von V1 und V2 mitarbeiten. Dies geschah jedoch unter unmenschlichen Bedingungen. Ein Beispiel dafür wären die Transportwege, denn dort wurden ca. 100 Menschen über mehrere Tage in ein Viehwaggon gesperrt. Das Schlimme dabei ist, dass die Menschen selbst nach der Befreiung kein vernünftiges Leben führen konnten, da sie unter den Folgen des KZ litten.

Was macht einen Menschen zum Täter?

Die Antwort  der Frage hängt von vielen Faktoren ab. Wer sich bewusst ist, was er tut, ist schuldig. Wer das Motiv verfolgt, Menschen gezielt zu diskriminieren und auszulöschen, ist schuldig. Also ist die grundlegende Frage: „Tut der Mensch dies freiwillig?“ Inwiefern ist ein Mensch also schuldig, wenn er gezwungen wird?

Mit dieser Frage haben wir uns in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Nordhausen auseinandergesetzt. Beispielsweise haben wir uns mit dem Beruf als Lokführer beschäftigt. Der Lokführer bringt volle Waggons mit Häftlingen zum KZ. Wird der Lokführer damit zum Täter? Was spricht dafür, was dagegen? Wenn sich der Lokführer bewusst war, dass er tausende von Menschen in den Tod befördert, ist er schuldig. Wird der Lokführer jedoch von der SS dazu gezwungen, tut er dies nicht freiwillig und folgt nicht dem Motiv Menschenmassen in den Tod zu führen. Er ist nicht schuldig.

Die Frage lässt sich also nicht pauschal beantworten, es ist ein Zusammenspiel aus langen Ketten unterschiedlicher Faktoren. Egal, ob gewollt oder ungewollt, direkt oder indirekt, jeder Mensch war ein kleines Rad im Getriebe und hat zum Funktionieren des NS-Regimes beigetragen.

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