Die Zukunft Europas bereitet im Angesicht von Flüchtlingskrise, Brexit und national-autoritären Tendenzen in vielen Mitgliedsstaaten der EU offensichtlich nicht nur Politikern Kopfzerbrechen. Auch viele Schülerinnen und Schüler machen sich darüber Gedanken, wie es mit Europa weitergehen soll. Denn die europäische Integration oder der Zerfall derselben hat unmittelbaren Einfluss auf die persönliche Lebensgestaltung vieler Jugendlicher.

Am letzten Dienstag wurden daher 170 ausgewählte Schüler aus niedersächsischen Europaschulen, darunter 10 Schüler und Schülerinnen der 11. Klassen des GaBö, zu einer Podiumsdiskussion ins Sparkassen-Forum nach Hannover eingeladen, um über die Herausforderungen und die Zukunft Europas zu diskutieren. Konkreter Anlass der Veranstaltung war die Unterzeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren.

Prominente Gäste, mit denen die Schüler diskutierten, waren der Niedersächsischen Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Professorin Dr. Ulrike Guérot (Leiterin der Abteilung für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems in Österreich).

Im Mittelpunkt der Gespräche standen die Sorgen, Fragen, Vorstellungen und Hoffnungen der Schüler und Schülerinnen zur Zukunft Europas. Wird es – trotz aller gegenwärtigen Probleme – doch noch ein föderales Europa bzw. eine europäische Republik geben oder entwickelt sich ein Europa à la carte mit mehreren Geschwindigkeiten, ein Europa der Nationen.

Um aktiv an der Diskussion teilzunehmen, konnten die Schüler auch über eine App auf ihrem Smartphone Fragen und Meinungen einbringen. Meinungsbilder konnten so digital ermittelt und auf eine Leinwand projiziert werden.

In der Eröffnungsrede sprach Ministerpräsident Weil über seine persönlichen Erfahrungen mit Europa und erwähnte in diesem Zusammenhang auch die Grenze in Helmstedt. Guérot fasste noch einmal die wichtigsten Schritte der letzten 30 Jahre, vom Maastricht-Vertrag bis zur Eurozone zusammen, die das heutige Europa geprägt haben.

Aus den Fragen der Schüler kristallisierten sich besonders die Themen Brexit, der potentielle Frexit, die politische Entwicklung in der Türkei sowie die Flüchtlingspolitik heraus. Guérot erläuterte detailreich und mit anschaulichen Beispielen die objektiven Gründe des aktuellen Misstrauens und der Enttäuschungen gegenüber Europa.

Beide Gastredner räumten ein, dass Europa Fehler begangen habe.

Deutschland sei jedoch der größte Gewinner der Eurozone.

Ministerpräsident Weil hob hervor, dass ein Frexit für ihn das Ende der EU bedeuten würde, aber er zeigte sich optimistisch, denn die Franzosen seien überzeugte Europäer. Auch die Frage eines GaBö-Schülers, welche Auswirkungen der Brexit für Niedersachsen habe, wurde ausführlich erörtert.

Auf die Frage, ob die aktuelle Politik der Türkei eine Gefahr für die EU sei, lieferte Guérot eine facettenreiche Analyse über die schwierigen Beziehungen zwischen Europa und der Türkei und kam zu dem Schluss, dass die EU sich von der Türkei abgängig gemacht habe. Guérot stellte auch schonungslos die Lage der Flüchtlinge dar: „Es warten 10 Millionen Menschen auf gepackten Koffern in Nordafrika auf die Reise nach Europa“. Europa müsse seine Entwicklungshilfe in der Dritten Welt massiv erhöhen.

Am Ende der Veranstaltung betonte Ministerpräsident Weil die Notwendigkeit enger zusammenzuwachsen, nach der Erweiterungsphase der vergangenen Jahre sei nun die Phase der Konsolidierung für Europa gekommen.

Auch Guérot endete mit einem ein Plädoyer für die repräsentative Demokratie in Europa und mit dem Motto: ein Markt – eine Demokratie – ein Europa!

„Insgesamt war die Veranstaltung hochinteressant, aber wir hätten gerne noch öfter aktiv an der Diskussion teilgenommen“, bilanzierten die Schüler des GaBö.